Zum Kunstverein Wilhelmshöhe kommt man durch den Wald. Weißtanne, Nadelboden, Harz in der Wärme. Oben die alte Treppe hinauf, und der Geruch ist noch da, nur anders. Gesetzt, komponiert, mit einer kühlen Note darin, die nicht von hier stammt. Die Ausstellung fängt an, bevor man etwas sieht.
Im ersten Raum liegt eine Folie über den Fenstern; das Licht läuft ins Grüne. Janus, der römische Gott der Schwellen, schaut mit zwei Gesichtern zugleich zurück und nach vorn. Innerhalb der Arbeit „Janus“ verdampft Straßburger Terpentin, ein Harz aus den Rindenblasen der Weißtanne. Man hat es auf Wunden gelegt und gegen Husten geatmet. Draußen steht der Baum. Drinnen gibt er seinen Geruch erst unter Wärme her.
Der nächste Raum ist blau. „Adonia“ braucht keine Wärme. Vier Gliedmaßen liegen am Boden, gegossen in opalisierendem Glas, der Form nach Ex-Votos, jene Votivgaben, die man aus Dank oder im Tausch gegen eine erhoffte Hilfe niederlegt. Darin sublimiert Kampfer, fest und dann gasförmig, ohne je flüssig zu werden. Zu sehen ist davon nichts. Man riecht ihn, während er verschwindet.
Die Adonien waren ein Fest im antiken Griechenland. Frauen zogen auf den Dächern schnellkeimende Pflanzen, die binnen Tagen hochschossen und ebenso schnell verdorrten. Aufgehen und Vergehen fielen in eins.
Zweimal derselbe Übergang, einmal erzwungen, einmal von allein. „Phoenixing“ ist der Zustand dazwischen, und er dauert die ganzen sieben Wochen.
An der Wand hängen vier Gesichter. Im letzten Raum hängen Luftballons, aus denen man sich die Duftproben selbst nimmt, einzeln, in eigener Reihenfolge, so lange man mag.
Chaveli Sifre ist puertorikanische Künstlerin, 1987 in Würzburg geboren, und lebt in Berlin. Seit über zehn Jahren arbeitet sie mit Geruch als Material, dort, wo Botanik, Heilkunde und Glaubenspraxis noch zusammengehörten. Ihre Arbeiten waren zuletzt in der Kunsthalle Osnabrück, bei der Julia Stoschek Foundation, im WIELS und im MACBA Barcelona zu sehen. 2025 erhielt sie das Villa Romana-Stipendium, 2026 das Stipendium der Fundación Botín.
Ausstellungsdaten:
19.09.-08.11.2026, geöffnet mittwochs bis sonntags, 15 bis 18 Uhr
Adresse:
Kunstverein Wilhelmshöhe
Schöllbronner Str. 86
76275 Ettlingen
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